„Theorie trifft Praxis – Alles klasse oder was?“ – Ein Bericht der Frühjahrstagung in Berlin

Berlin, 02.+03.02.2018 – Am vergangenen Wochenende lud die DG PARO in Zusammenarbeit mit der Berliner Gesellschaft für Parodontologie zur Frühjahrestagung im Langenbeck-Virchow-Haus nach Berlin ein.

Unter dem Motto „Theorie trifft Praxis – Alles klasse oder was?“ wurde am Freitag begann am Freitagnachmittag die Session mit der Frage „Brauchen wir eine neue Klassifikation?“ Nach der Begrüßung durch DG PARO Präsident Prof. Dr. Christof Dörfer führten Prof. Dr. Henrik Dommisch und Dr. Katrin Nickles durch das Programm.

Schon vor der ersten Session wurde jedoch klar dargestellt, dass die neue Klassifikation – wie es ursprünglich geplant war – nicht vorgestellt werden kann, da diese noch nicht veröffentlicht wurde. Die Vorstellung werde erst auf der EuroPerio im Juni in Amsterdam präsentiert werden. Dennoch versprach Prof. Dommisch ein paar Einblicke zu geben. Prof. Ian Chapple hielt im Anschluss an die Begrüßung einen sehr unterhaltsamen und gut strukturierten Vortrag auf Englisch zu Thema „Why do we need a diagnosis?“. Seine Antwort war natürlich „Ja, wir brauchen eine Diagnose“ – denn sonst wisse man ja nicht was man tue. Er stellte dar, dass nur anhand einer Klassifikation, man auch eine Diagnose stellen könne und auch nur dann einen Behandlungsplan erstellen könne. Er führte vorab durch die alten Klassifikationen, bevor er berichtete, dass die neue Klassifikation sich auf die Ätiologie, die Pathogenese und die klinische Beschreibung der Pathologie stützen werde. Zum Schluss gab er einen Einblick in die neue Klassifikation der klinischen Gesundheit und der Gingivitis, welche in Zukunft zwischen „intakten“ und „reduzierten“ Parodontium unterscheiden werde.

Die erste Session beschäftigte sich mit der Periimplantitis, welche in der neuen Klassifikation Einzug erhält. Dr. Jan Derks beschäftigte sich mit der Definition der Peri-Implantitis, welche sich von der bekannten nicht groß unterscheiden wird. Peri-implantäre Gesundheit – ohne Entzündungszeichen und kein Knochenabbau, Peri-implantäre Mucositis – Entzündungszeichen und kein Knochenabbau und Peri-Implantitis – Entzündungszeichen inkl. Knochenabbau. Für die Bestimmung des Knochenabbaus wäre es aber unabdingbar, dass ein Ausgangsbild vorliegt. Er stellte seine Studien aus Schweden vor, in welchen er zeigen konnte, dass es in dieser Gruppe 6 Risikofaktoren für eine Peri-Implantitis gab. Diese waren der parodontale Status, die Anzahl der inserierten Implantate, der behandelte Kiefer, die Implantatmarke, ob ein Spezialist die Prothetik durchgeführt hat und wie tief die Prothetik inseriert wurde. Außerdem stellte er klar, dass ein negativer BoP bei der absolut notwendigen regelmäßigen Sondierung von Implanten mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Zeichen für Gesundheit sei.

Nach einer Kaffeepause wo die Industrieausstellung besucht werden konnte, berichtete Prof. Michael Christgau von der Therapie der Peri-Implantitis. Er richtete sich nach dem Consensus Paper von 2014 und definierte als Ziel die Ausheilung der Erkrankung um Taschentiefen von 5 mm oder weniger, einen negativen BoP, den Knochenverlust zu stoppen und gesunde peri-implantäre Verhältnisse zu schaffen. Er zeigte eindrucksvoll viele Fälle zu diesem Thema und diskutierte auch die Frage nach der Antibiotikagabe und der Implantoplastik.

Der Tag klang im entspanntem Rahmen zwar nicht – wie geplant – im mittlerweile insolventen Restaurant „Die zwölf Apostel“, sondern im nicht weit entfernten Restaurant „Nolle“ beim „get-together“ aus.

Prof. Henrik Dommisch und Dr. Inga Harks eröffneten den nächsten Tag mit einer Podiumsdiskussion, bei der Amelie Bäumer-König, Michael Christgau, Christof Dörfer, Peter Eickholz, Søren Jepsen, Moritz Kebschull und Christina Tietmann die Frage „Brauchen wir eine neue Klassifikation?“ diskutierten.

Im Anschluss eröffnete Prof. Dr. Søren Jepsen die erste Session des Tages unter dem Motto „Rezessionen & Co. – krank und krank gemacht?“. Er berichtete, dass die Rezessionen in der neuen Klassifikation mehr Bedeutung bekommen würden. Er berichtete über die Probleme, wie die schlechte Ästhetik, das Kariesrisiko und die nicht-kariösen zervikalen Läsionen und über die Unterschiede beim dünnen und dicken gingivalen Phenotyp. Auch sprach der das Thema der durchgeführten Kieferorthopädie an, welche in den letzten Jahren zu einer Verstärkung des Problems der ginigvalen Rezessionen – bes. in der UK-Front – beigetragen hat. Desweiteren gab er einen Einblick, dass in der neuen Klassifikation die Einteilung nicht nach den Miller-Klassen, sondern nach den Cairo-Klassen erfolgen werde und auch die Substanzverluste auf der Wurzeloberfläche beachtet werden sollen.

Im Anschluss referierte PD Dr. Karin Jepsen über Ihr Praxiskonzept bei der Behandlung der Rezessionen. Hier beschrieb sie die Erfolgsraten von nach der noch geltenden Miller-Klassifikation dar und stellte heraus, dass die besten Ergebnisse beim Koronalen Verschiebelappen inkl. BG-Transplantat entstehen, wobei man auch Alternativen für das BG-Transplantat verwenden kann, wie z.B. Matrizes oder Schmelzmatrix-Proteine. Bei Rezessionen mit Karies oder Füllung sollte diese entfernt werden und mit einen BG-Transplantat gedeckt werden. Bei Zähnen mit einem großen vertikalen Defekt kann der coronale Anteil der Stufe mit einer Kunststofffüllung gefüllt und der Rest mit der Rezessionsdeckung gedeckt werden. Hierzu zeigte sie beeindruckende Fälle.

Nach der Mittagspause begann der Block zum Thema „Das Zahnfleisch – gesund oder krank?“ mit Prof. Peter Eickholz der einen „Einblick in die Neue“ gab. Er stellte vorab die Frage nach parodontaler Gesundheit. Wie man Patienten mit einer erfolgreich abgeschlossenen Parodontitisbehandlung oder Patienten mit Rezessionen klassifizieren sollte. Auch er stellte heraus, dass die neue Klassifikation unterscheiden würde zwischen intakten und reduzierten Parodont, dass ein gesunder Zustand keine Rötung, Schwellung oder BoP aufweisen würde und der Abstand zwischen der Schmelz-Zement-Grenze und dem Limbus Alveolaris zwischen 1 und 3 mm sein dürfte.

Frau Prof. Dr. Andrea Schmidt-Westhausen referierte dann über das Thema „Diagnose in der Praxis – Was bringt uns die Bürstenbiopsie?“ und stellte dar, dass es wichtig ist, nicht nur die oberflächlichen, sondern auch die tiefen Zellen. Hierfür dürste man aber nicht so viel Druck aufwenden, dass es bluten würde. Sie stellte die S2k-Leitlinie von Kunkel vom Jahr 2010 vor und stellte die Wichtigkeit der Bürstenbiopsie dar in Fällen, in denen keine Biopsie möglich ist, wie z.B. in der Verlaufskontrolle.

Anschließend wurde die letzte Session eröffnet – „Parodontitis – eine Erkrankung in aller Munde?“. Prof. Dr. Dr. Thomas Dietrich gab sehr kurzweilig einen „Einblick in die Neue“. Er berichtete, dass die Unterscheidung zwischen aggressiver und chronischer Parodontitis wohl wegfallen würde und es eine Klassifikation geben würde angelehnt an das Tumorstaging mit Stage I bis IV und 2 verschiedenen Graden (A und B).

Danach berichtete erneut Prof. Michael Christgau mit seinem Vortrag „Wo liegen die Grenzen? Prognose in der Praxis? Wie lange hält ein Zahn?“ von seinem Praxiskonzept, bei dem er nach dem gängigen Konzept vorgeht. Er zeigte mit vielen eindrucksvollen Fällen die Möglichkeiten, Prognose und die Grenzen der Parodontitisbehandlung auf bei Fällen mit Molaren mit Furkationsinvolvierungen und Zähnen mit vertikalen Defekten. Auch zeigte er die Möglichkeiten des Ersatzes der Zähne – nach gescheiterter Therapie – durch Implantate auf.

Nach einer letzten Kaffeepause mit einem letzten Besuch der Industrieausstellung wurde die letzte Session eröffnet, in welcher 2 Spezialistenpraxen für Parodontologie Ihre Praxiskonzepte vorstellten. Bei dem Praxiskonzept „Parodontitis – wenn es chronisch wird“ von Dr. Frank Bröseler und Dr. Christina Tietmann wurde auf die Wichtigkeit der Einbindung eines KFO-Konsils und -Behandlung hingewiesen, während Frau Dr. Amelie Bäumer-König Ihr Praxiskonzept „Parodontitis – wenn es schnell bergab geht“ bei Patienten mit aggressiver Parodontitis vorstellte.

 

Ulrika Montén

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